Carl Gustav Jung und Wolfgang Pauli

Nach dem Suizid seiner Mutter im Jahre 1927 und der kurzen, Ende 1930 geschiedenen Ehe mit der Berliner Tänzerin Käthe Deppner geriet Wolfgang Pauli in eine schwere persönliche Krise. Er suchte auf Rat seines Vaters den bekannten Psychologen Carl Gustav Jung auf. Dieser vermittelte eine Analyse bei seiner Praktikantin Erna Rosenbaum. Jung schien eine weibliche Analytikerin angezeigt, da er Paulis Problem im Verhältnis zu Frauen allgemein vermutete. Nach der Traumanalyse bei der Praktikantin folgte eine zweijährige Phase, in welcher Pauli Jung persönlich konsultierte. Ende Oktober 1934 brach Pauli seine Konsultationen mit Jung ab.

Neben dem Begriff des "Komplexes" hat Jung auch denjenigen des "kollektiven Unbewussten" und des "Archetypen" geprägt. Jung unterscheidet zwischen dem individuellen und dem kollektiven Unbewussten. Das erstere betrachtet er als durch persönliche Erfahrungen und deren Verdrängung erworben, das letztere jedoch durch die Gehirnstruktur vererbt. Spezifische Inhalte des kollektiven Unbewussten seien archetypische Bilder wie die "Grosse Mutter", die "Schlange" oder der "Schatten". Auf seinen ethnologischen Expeditionen hatte Jung beobachtet, dass diese Bilder in allen Kulturen auftauchen und deshalb im menschlichen Gehirn verankert sein müssen. Die Beachtung von Archetypen in Träumen war ein wichtiger Bestandteil seiner analytischen Psychologie, deren Ziel er in der "Individuation" sah, wo Bewusstes und Unbewusstes zu einem das "Ich" übersteigenden "Selbst" integriert werden.

 In zahlreichen seiner Werke stellt Jung eine Verbindung zwischen Psychologie und Religion her. Er verfügte über umfassende Kenntnisse bezüglich des Christentums und anderer Religionen, stand jedoch der Institution "Kirche" äusserst kritisch gegenüber. Für ihn war Religion eine der frühesten und allgemeinsten Äusserungen der menschlichen Seele und damit ein wichtiges Thema der Psychologie; im Archetypen des "Gottesbildes" sah er ein Symbol der Beziehung zwischen Gott und Seele. Jung schuf weiter eine psychologische Typenlehre. Jeder Mensch ist entweder nach der Aussenwelt orientiert (extrovertiert) oder auf sich konzentriert (introvertiert). Ausserdem gibt es nach Jung vier psychische Funktionen, Empfindung, Denken, Fühlen, Intuition, von denen jedem Menschen eine zugeordnet werden kann, was zu acht Varianten führt.

Werke (Auswahl)

Seine Ansichten veröffentlichte er in zahlreichen Schriften. Zu seinen Hauptwerken zählen:

  • Psychologische Typen (1921)
  • Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten (1928)
  • Seelenprobleme der Gegenwart (1931)
  • Wirklichkeit der Seele (1934)
  • Über die Psychologie des Unbewussten (1943)
  • Psychologie der Religion (1949)
  • Symbolik des Geistes (1948)
  • Gestaltungen des Unbewussten (1950)
  • Aion, Untersuchungen zur Symbolgeschichte (1951)
  • Antwort auf Hiob (1952)
  • Naturerklärung und Psyche (1952)
  • Von den Wurzeln des Bewusstseins, Studien über den Archetypus (1954)
  • Mysterium Coniunctionis (1955).

Ehe mit Franca Bertram

Franca und Wolfgang Pauli

Hatte eine Ehe den Beginn von Paulis Lebenskrise markiert, so fand er mit Hilfe einer diesmal dauerhaften Verbindung wieder aus ihr heraus. Im April 1934 heiratete er Franca Bertram. Wolfgang und Franca Pauli blieben zeitlebens in kinderloser Ehe zusammen.

Das Ende der Therapie bedeutete keineswegs den Abbruch der Beziehung zwischen Pauli und Jung. Erst jetzt begannen sie einen angeregten Briefwechsel, in dem sie Physik und Psychologie verbanden und gemeinsame Grundlagen suchten. Die Korrespondenz der beiden Koryphäen in ihrem jeweiligen Fachgebiet wurde auf einem ungemein hohen Niveau geführt. Jung führte die Beschäftigung mit Physik, ausgehend von Einsteins Relativitätstheorie, zu so bedeutenden Begriffen der Synchronizität. Pauli auf der Gegenseite schöpfte wichtige Erkenntnisse zu wissenschaftstheoretischen Fragen aus der Beschäftigung mit der Jungschen Psychologie, vor allem in den Fragen der Symmetrie und Komplementarität.

1957 hörte der direkte Kontakt Paulis mit Jung auf – vielleicht aus Rücksicht auf Jungs hohes Alter. Jung überlebte Pauli dann noch um 2 1/2 Jahre.