Sonnenfinsternisse als Zeichen

Sonnenfinsternis und Aberglauben

Bernard Le Bovier de Fontenelle (1657–1757)

Dialogen über die Mehrheit der Welten (Berlin, 1789)

Viele alte Völker sahen Sonnenfinsternisse als übernatürliche Erscheinungen an und fürchteten sich davor. Man betrachtete sie als Vorboten nahenden Unheils oder glaubte, die Sonne sei von feindlichen Dämonen bedrängt.

In den "Entretiens sur la pluralité des mondes (Link verlässt diese Seite)" von Bernard Le Bovier de Fontenelle (London, 1761) wird erwähnt, dass in ganz Ostindien der Glaube herrsche, zur Zeit einer Sonnenfinsternis bedrohe ein bösartiges Ungeheuer die Sonne. Daher sehe man zu solcher Zeit die Flüsse voll Inder, die bis an den Hals im Wasser stehen. Diese Stellung galt als andächtig und geeignet, um die Sonne zu veranlassen, sich tapfer zu verteidigen.

Bei anderen Völkern war es üblich, durch Geschrei und Lärm die Dämonen, welche die Sonne bedrohten, zu verscheuchen. Auch war es üblich Brunnen zu bedecken, um sich vor Vergiftungen zu schützen.

Solche abergläubische Ansichten waren nicht immer schädlich. Sie hatten sogar manchmal gute Folgen. Hermann J. Klein erzählt in "Die Sonnen- und Mondfinsternisse" (Kreuznach, 1870):

"Im Jahr 584 v. Chr. trat für einen Theil Klein-Asiens eine totale Sonnenfinsternis ein, als sich eben Allyattes König von Lydien und Kyaxares von Medien eine Schlacht lieferten. Die erschreckten Heere liessen vom Kampfe ab und die Fürsten schlossen Frieden."

Ähnlichem Aberglauben begegnet man noch in späterer Zeit. So erzählt François Arago, dass im 17. Jahrhundert die Ankündigung einer Sonnenfinsternis in Paris und Umgebung solchen Schrecken verbreitet habe, dass die Geistlichen dem Andrang zum Beichtstuhl nicht gewachsen waren.

Johann Jacob Scheuchzer (1672–1733)

Eclipsis passionalis aus der "Kupfer-Bibel (Link verlässt diese Seite)" (Vierdte Abtheilung, Augsburg und Ulm, 1735)

Sonnenfinsternis als Stilmittel der Geschichtsschreibung

Das Naturschauspiel wurde oft mit bedeutenden Ereignissen in Zusammenhang gebracht. Sonnenfinsternisse wurden auch von Geschichtsschreibern erfunden, um die Bedeutung gewisser Ereignisse (Schlachten, Geburt oder Tod eines Königs) zu betonen.

Auch atmosphärische Trübungen wurden manchmal mit Sonnenfinsternissen verwechselt. Zu diesen gehört die "eclipsis passionalis", die Finsternis der Passion Christi, die von den Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas geschildert wird, und die in der "Kupfer-Bibel" von Johann Jakob Scheuchzer (Link verlässt diese Seite) so eindrucksvoll dargestellt wird. Für diese Sonnenfinsternis ist in der Tat kein Nachweis gefunden worden.

Sonnenfinsternis und Mythologie

Das Verschwinden von Sonne und Mond bei Sonnen- und Mondfinsternissen erklärte man auch auf eine rein mythologische Weise: Man nahm an, dass ein Drache Sonne und Mond verschlang, um sie nach einer kurzen Weile wieder freizugeben. Daher heissen noch heute die Schnittpunkte der Ekliptik – der Ebene, in welcher sich die Erde bewegt – mit der Mondbahn "Drachenpunkte", da nur in ihrer Nähe Finsternisse auftreten können. Die Zeitspanne zwischen zwei Drachenpunkt-Durchgängen des Mondes wird auch "drakonischer Monat" genannt.

Peter Apian (1495–1552)

Im handkolorierten Holzschnitt aus dem "Astronomicum Caesareum (Link verlässt diese Seite)" (Ingolstadt, 1540) ist der Drache in Zusammenhang mit der Mondfinsternis zu sehen.