Galilei, Scheiner und die Rotation der Erde

Disquisitiones mathematicae

In den Jahren 1610 bis 1615 vertrat Galilei öffentlich die kopernikanische Lehre. Im Februar 1615 erhielt er von seinem Rivalen, dem Jesuitenpater Christoph Scheiner aus Ingolstadt, ein kleines Werk zugesandt: "Disquisitiones mathematicae de controversiis et novitatibus astronomicis (1614)" (Link verlässt diese Seite). Es enthält zahlreiche Argumente gegen die kopernikanische Lehre und eine Aufforderung Scheiners an Galilei, dazu Stellung zu nehmen.

Der Autor des Werks, das 1614 in Ingolstadt erschien, hiess in Tat und Wahrheit Johannes Gregorius Locher und war ein Schüler Scheiners; dennoch enthalten die Disquisitiones das Gedankengut von Scheiner, was Galilei sehr wohl erkannte und Scheiner selber später auch zugab.

Zwischen den beiden Wissenschaftlern entwickelte sich eine ständig wachsende Missgunst. Wir wissen bis heute nicht, ob Scheiner eine Rolle in der Verurteilung Galileis gespielt hatte. Jedenfalls beschimpfte Galilei seinen Widersacher nach dem Prozess aufs heftigste undnannte ihn unter anderem auch "Schwein" und "boshafter Esel" (Galilei Opere XVI 391).

Galileis Kommentar zu den Disquisitiones

Galileis Antwort auf die Disquisitiones ist erst im Dialog von 1632 enthalten. In einer Textpassage aus dem Zweiten Tag (II 604-609) zieht Galilei mit bissiger Ironie über eine Illustration in Scheiners Werk her, mit der ein Gegenargument zur täglichen Erdrotation erläutert werden sollte.

Scheiner stellte sich nämlich vor, was im Falle einer Rotation der Erde tatsächlich geschehen würde. Welche Auswirkung dies für einen Körper hätte, der vom Mond fiele oder für die Flugbahn einer Rakete, für den Flug der Vögel, für den Hagel, der vom Himmel fällt usw. In Scheiners Werk war die Illustration mit erklärenden Texten angereichert, auf die Galilei in seinem Verriss aber nicht einging.

Illustration aus den Disquisitiones von Christoph Scheiner

Alte und Seltene Drucke. Rar_4325. e-rara.ch

Bei Galilei ist über die Illustration zu lesen:

  • SAGR. Zeigt her, bitte! Ach, was für schöne Bilderchen! Diese Vögel, diese Kugeln und die anderen schönen Sachen!
  • SIMP. Es sind Kugeln, welche aus der Sphäre des Mondes kommen.
  • SAGR. Was ist denn dies?
  • SIMP. Es ist eine Schnecke, die man hier in Venedig bovoli nennt; sie kommt auch aus der Sphäre des Mondes.
  • SAGR. Ja, ja; darum hat auch der Mond so grossen Einfluss auf diese Schalentiere, die wir pesci armai nennen. (Übersetzung Emil Strauss, 1891)

Weiter behandelt Galilei Scheiners Argumente wie folgt:

"Simplicio erklärt […] aus dem Stegreif das erste Argument der Disquisitiones. Daraufhin schickt Sagredo auf Simplicios Verlangen (Dialog II 565) einen Diener, der die beiden Werke De tribus novis stellis (1628) von Chiaramonti und die Disquisitiones von Scheiner holen soll (Dialog II 566-568), damit die Texte auch wortwörtlich zitiert werden können (Dialog II 602 und folgende)."