Der Mond im Sidereus Nuncius und im Dialog

Die Frage um das Wesen des Mondes und seiner geheimnisvollen Flecken wurde schon seit der klassischen Antike mit merkwürdigen und sehr unterschiedlichen Antworten bedacht. Gemäss einer sowohl aristotelischen als auch platonischen Auffassung gehörte der Mond zwar zu den Himmelskörpern und war deshalb göttlichen Ursprungs, allerdings in einer abgeschwächten Form, da er sich zu nahe an der Erde befand.

Die Mondoberfläche

Gemäss pythagoreischer Überlieferung, die – da sehr einfallsreich – von Plutarch noch weiter ausgeschmückt und schliesslich auch von Johannes Kepler übernommen wurde, gab es auf dem Mond hohe Berge, Täler, Meere und auch Bewohner. Galilei, eigentlich überzeugter Kopernikaner, erkannte bei der Betrachtung des Mondes mit dem Teleskop 1609 Erhöhungen und Vertiefungen, die erstaunlicherweise die fantastischen Behauptungen der Pythagoreer zum Teil bestätigten.

Sidereus Nuncius

Den Bericht über diese Betrachtungen des Mondes und weiterer Himmelsphänomene veröffentlichte Galilei in einem kleinen Werk, dem Sidereus Nuncius ("Der Sternenbote"). Es erschien 1610, wurde ein riesiger Erfolg und machte Galilei rasch berühmt. Ein grosser Teil der im Sidereus Nuncius gemachten Beobachtungen griff Galilei im Ersten Tag des Dialogs wieder auf.

Sidereus nuncius

Alte und Seltene Drucke. Rar_4432:1, e-rara.ch

Die Titelseite des "Sidereus Nuncius" (Link verlässt diese Seite) vereint mit vorbildlicher Klarheit eine ausserordentliche Ansammlung von Informationen und Würdigungen:

"Die Sternenbotschaft, die dem Blick jedes einzelnen ganz besonders aber den Astronomen und Philosophen, die grossen und äusserst spektakulären Wunder aufzeigt, die Galileo Galilei von Florenz, Mathematiker an der Universität von Padua, mit dem von ihm erst kürzlich erfundenen Teleskop beim Betrachten der Mondoberfläche sowie unzähliger Fixsterne, der Milchstrasse und der Sternennebel entdeckte, vor allem aber die vier Planeten, die sich mit unterschiedlicher Häufigkeit aber bewundernswerter Geschwindigkeit um den Stern Jupiter drehen, und die niemand bisher kannte weil sie unser Autor erst kürzlich entdeckte und erklärte, sie hiessen 'Medici-Sterne'."

Abgesehen von diesen Beobachtungen enthält der Sidereus Nuncius auch die Erklärung für das "graue Licht", die im Grossen und Ganzen aus früheren Erläuterungen Keplers übernommen worden ist.

Der Mond in Quadratur

Der Mond in Quadratur

Zeichnung von Galileo (in Opere III 66). Besonders beachtenswert: 1. die gezackte Linie, die die beleuchtete Mondhälfte von der unbeleuchteten trennt, und 2. die – mit Galileis eigenen Worten – "grösste Vertiefung von allen".
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Eine Schrift von 1606, die Galilei zugeschrieben wird, spricht bereits – einige Zeit vor dem Gebrauch des Teleskops – von einer "gezackten" Linie. Die genannte "Vertiefung" ist mit grosser Wahrscheinlichkeit diejenige, die dann 1651 Albategnius getauft wurde.

Ein Vergleich mit modernen Fotografien des Mondes in Quadratur zeigt, dass die Trennlinie zwischen Licht und Schatten gar nicht so deutlich ausgefranst ist, und dass die Vertiefung Albatenius von Galilei als viel grösser beschrieben wurde, als sie in Wirklichkeit ist. Man kann vermuten, dass Galilei von den früheren pythagoreischen Beschreibungen dazu verleitet wurde, die Höhenunterschiede zu übertreiben.

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Sidereus nuncius

Zeichnung von Galilei: Besonders beachtenswert die Schattenzonen und die beleuchteten Spitzen der Berge, von Galilei "cuspidi" (Hörner) genannt. Er erfand die hier abgebildete, geniale Methode zur Höhenpeilung der Mondgebirge, eben mit Hilfe dieser "cuspidi". Alte und Seltene Drucke. Rar_4432:1. e-rara.ch

Der Philosoph Cesare Cremonini (1550–1631) aus Padua, ehemaliger Kollege Galileis, veröffentlichte im Jahr 1613 die "Apologia dictorum Aristotelis de caelo" (Verteidigung der Theorien des Aristoteles vom Himmel), in der er die astronomischen Entdeckungen anfocht, die Galilei dank dem Teleskop gemacht hatte. Diese Schrift wurde von der Kongregation des Index am 18. Januar 1622 verboten und von Galilei am Ersten Tag des Dialogs scharf kritisiert.

So schreibt Galilei: "Über das Aussehen [der Mondoberfläche] finde ich keine eingehenderen Angaben, als dass der eine sagt […], der andere, man erblicke auf ihr Kain mit einem Bündel Reisig auf den Schultern" (Dialog, I 134, 1). Diese Beschreibung bezieht sich auf die Fleckenaufder Mondoberfläche, die gemäss mythologischer Überlieferung den dorthin verbannten Kain darstellen, der für alle Ewigkeit ein Bündel dorniges Reisig auf den Schultern tragen muss. Dieses Thema behandeln auch Alessandro Piccolomini in Sphera VI II und Benedetto Varchi in Opere II 419.

Maler: Giovanni di Paolo di Grazia (ca. 1403–1482)

Das Bild findet sich aber bereits in Dante Paradies II 49-51: "Doch sagt mir: Was sind denn die dunklen Zeichen in diesem Himmelskörper, die auf Erden erfundne Märchen über Kain erzeugen?" Dante stellte diese Frage seiner Führerin Beatrice, als sie zusammen auf dem Mond angelangt waren; Beatrices Antwort darauf war ein langer theologischer Diskurs mit einer Erklärung für die von der Erde aus sichtbaren dunkeln Flecken des Mondes. Beatrice stützte sich in ihrer Ausführung auch auf das Experiment mit den drei Spiegeln, dargestellt in der oben abgebildeten Miniatur aus einem Manuskript der British Library in London.